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Sexismus? Mir passiert das nicht!

Ich dachte immer, Seximus und Belästigung passiert mir nicht. Oder zumindest nicht so, wie frau es immer wieder beschreibt und erlebt.

Hinterher Gepfeife, Angaffen oder Antatschen – es ist egal. Unterm Strich finde ich alles Drei nicht wirklich schmeichelhaft und möchte schon sagen teilweise auch widerwärtig.

Da ich täglich über den Frankfurter Hauptbahnhof nach Hause fahre, hier quasi ein- bzw. umsteige, bei Zugreisen sogar schon in tiefer Nacht dort angekommen bin und ich noch NIE „dumm angemacht“ wurde, war ich wirklich so naiv zu glauben, dass mir das auch nie passieren würde. Naiv, wirklich naiv von mir.

Keine Sorge, mich hat niemand angetatscht, aber dafür angestarrt. Oder soll ich sagen angeglotzt oder gar mit den Blicken ausgezogen?

Ich war auf dem Weg vom Büro zur U-Bahn auf dem Heimweg. Neben mir am Gleis stand ein Mann, vielleicht Ende 40, Anfang 50. Als die U-Bahn kam, stiegen wir dann auch Beide in die U-Bahn ein. Er ging weiter in den Wagen rein, ich blieb nahe der Tür stehen, da ich die nächste Haltestelle schon wieder raus musste. Während der zweiminütigen Fahrt, hat er sich dann allerdings seinen Weg neben mich gebahnt, wie weiß ich nicht, denn ich habe auf den Kerl erstmal nicht geachtet. Was mir allerdings schnell auffiel war, dass er recht auffällig in meine Richtung schaute. Allerdings habe ich auch das erst einmal ignoriert und nicht wirklich auf mich bezogen, da neben mir der Fahrplan hing und ich davon ausging, dass er dort hinschaute, um zu wissen, wann seine Haltestelle kommt. Ich sollte mich täuschen.

An meiner Station angekommen, bin ich dann ausgestiegen und zur Rolltreppe gegangen. Er auch – hinter mir (das muss ich an dieser Stelle betonen). Darauf habe ich dann doch irgendwie geachtet. Doch dabei blieb es nicht. Er lief dann wirklich die vier Stufen von hinter mir nach vor mich hoch, um dann eben vor mir zu stehen. Allerdings nicht, wie andere Menschen auf der Rolltreppe, mit dem Gesicht in Fahrtrichtung nach oben/vorne, sondern er stand seitlich und schaute wieder zu mir, diesmal natürlich nach unten. Seine Blicke haben sich relegrecht in mein Dekoltee gebohrt. Ich fragte mich zwar, was er sehen wollte, da ich eine Bluse trug, die keinen Blick zuließ, wartete aber erst noch, da ich immer noch davon ausging, dass es Zufall war. Doch seine Blicke blieben haften – ich wusste gar nicht, dass sich Sekunden wie Stunden anfühlen können.

Und so konnte ich nicht mehr länger den Mund halten und frage ihn, ob ich meine Bluse ausziehen solle, dann könne er besser sehen!

Sein Blick war erstmal unbezahlbar. Seine Antwort allerdings zum K******. Er fragte mich allen Ernstens, warum ich mich so anstellen würde und ich es doch toll finden würde, wenn man mir in den Ausschnitt gucke.

Die kleine Feministin in mir brach hervor und gab zurück: „Ich weiß ja nicht in welchem Jahrtausend SIE leben, aber ich lebe in einem Jahrtausend, in dem ICH als FRAU über meinen Körper selbst bestimmen darf und mich nicht Angaffen lassen muss!“

Daraufhin nuschlete er irgendwas von Schlampe und war weg. Leider war die Rolltreppe zu kurz und ich musste in einen anderen Weg. Ich hätte ihm gern noch was bezüglich der Schlmape gesagt.

Ich habe mich danach ernsthaft gefragt, was diesen Typ veranlasst hat, mich anzugaffen. Weder meine Bluse noch mein sonstiges Outfit hat nach Anstarren gerufen – wobei, gibt es Outfits, die das tun? Die Bluse hatte keinen großen oder tiefen Ausschnitt und ließ auch eigentlich keine Blicke zu. Warum der Typ das trotzdem machte, erschließt sich mir nicht. Vielleicht muss ich das auch gar nicht verstehen und mich damit abfinden, dass es solche Schweine einfach gibt.

Aber das Gefühl, wenn man so angegafft wird, das ist echt schrecklich! Ich hab mich echt wie ein Objekt gefühlt, nicht wie ein Mensch. Das war echt widerlich. Daheim habe ich auch erstmal geduscht, weil ich mich irgendwie beschmutzt gefühlt habe.

Natürlich kann ich dieses Vorkommis nicht mit Begrapschen oder unsittlichem Berühren gleichsetzen, aber ich konnte mal ein Bruchteil nachempfinden, wie man sich fühlt. Zumal ich diesem Perversling auch keinerlei Zeichen gegeben habe, dass ich es toll finden würde, wenn er mir in den Ausschnitt gafft.

Ich habe lange überlegt, ob ich das veröffentlichen soll oder nicht. Schleißlich war es ja „nur“ gucken.

Schlussendlich habe ich mich aber dafür entschieden, weil ich es teilen wollte! Zeigen wollte, es kann immer und überall passieren! Sexismus (und ja ich nenne das so!) ist überall!

Es ist traurig, dass Frauen immer noch als „Ware“ angesehen werden.

Ja liebe Männer, ihr seid nicht alle so. Und ich bin mir sehr sicher, dass der Großteil der Männer sich so niemals verhalten würde. Aber es gibt eben diesen Bruchteil, der das doch macht, leider.

Ich bin wirklich hart im Nehmen. Aber an dieser vermeintlichen Kleinigkeit hatte ich ein paar Tage zu knabbern. In der Bahn habe ich möglichst versucht so zu stehen oder zu sitzen, dass niemand Blick auf mein Dekoltee hatte. Und auch sonst habe ich mich immer wieder umgeschaut, ob jemand guckt oder gafft.

Mittlerweile mache ich das nicht mehr so direkt. Trotzdem gucke ich mich noch um. Ich möchte das nicht mehr erleben. Es ist ein Gefühl der Hilflosigkeit und hilflos möchte ich nicht sein.

Ich weiß auch nicht, wo ich den Mut herhatte, diesen Typ so direkt anzusprechen. Ich habe es einfach gemacht. Ob ich es nochmal so machen würde? Das weiß ich nicht.

Habt ihr auch schon einmal Erfahrung mit so etwas gemacht? Und wie habt ihr reagiert? Oder denkt ihr, ich hätte anders reagieren sollen?

Eure Ann

5 Kommentare zu „Sexismus? Mir passiert das nicht!

  1. Wow, tolle Reaktion von deiner Seite aus! RESPEKT! So schlagfertig wäre ich wohl nicht gewesen… Obwohl ich ja eine ganz Ecke älter bin als du.

    Ich muss zugeben, dass mir „sowas“ tatsächlich noch nie bewusst passiert ist. Gut, mit 40+, heißt es ja, wird man ja eher als Frau nicht mehr so recht wahrgenommen, Doch auch aus jüngeren Jahren kenne ich das nicht. War als junge Erwachsene viel in Discos unterwegs und habe durchaus auffällig getanzt, klar, dass einem da auch mal die Leute zugucken. Aber das war nie aufdringlich… Gut, die zwei Male als ich mit Dirndl auf dem Oktoberfest war, da fielen schon auch mal Blicke aufs Dekolleté, das auch durchaus, ähm, sehenswert war. Aber so, dass sich einer extra in Position stellt, um einen guten Blick zu haben, das hab ich noch nicht erlebt.

    Sehr schade, dass du – und wohl viele Frauen – das erleben musstest! Wie gesagt, bewundere ich allerdings deine Reaktion.

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank.
      Ich muss aber wirklich sagen, dass ich nicht weiß, woher ich den Mut hatte etwas zu sagen…

      Ich glaube es hat sich viel verändert in unserem Land oder in unserer Lebenswelt…und ich glaube das ist der Grund, warum solche Dinge immer wieder passieren…mal schlimmer, mal weniger schlimm…

      Danke für Deine Worte:-)

      Gefällt mir

      1. man(n) versucht das hier so ein wenig auf die leichte schulter … also mit humor zu nehmen … weil man(n) jetzt eh nichts mehr dran ändern kann … (leider)

        wäre ich zeuge dieses „vorfalls“ gewesen … hätte der typ sich „auf knien“ bei dir entschuldigt …

        vor allen menschen die dabei waren …

        das darfst du wörtlich nehmen …

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